Bericht zur Generalkonferenz

Sonntag 19. August 2007

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Generalkonferenz 2007, Foto: Ariane Karbe

„Grüße aus Wien“ – Bericht vom 19. August 2007
Eröffnung im prächtigen Konzerthaus


Wer die Teilnehmerliste der 21. Generalkonferenz von ICOM durchlesen möchte, muss sich einige Minuten Zeit nehmen. Sie ist dick wie eine Broschüre und verzeichnet 2.400 Namen. 2.400 Museumsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter aus aller Welt sind nach Wien gekommen, wo die Konferenz im Konzerthaus heute feierlich eröffnet wurde. Das sind fast 10% aller ICOM-Mitglieder überhaupt. Über 100 Nationen sind vertreten, nicht umsonst sprachen einige der Eröffnungsredner heute von einer "Olympiade" der Museumswelt. Mit dem wesentlichen Unterschied, dass es hier nicht um Wettbewerb, sondern um Austausch geht. Erste Kontakte wurden schon auf dem Weg zum Konzerthaus in der Tram geknüpft.

Die Eröffnungsreden sollten in das Konferenzthema "Museen und universelles Erbe" einführen. Spannend wurde es aber immer dann, wenn es nicht um "Universalität", sondern im Gegenteil um "Differenz" ging. Dass Objekte nicht unbedingt etwas mit "Objektivität" zu tun haben, sondern je nach Kontext und Kurator bzw. Kuratorin ihre Bedeutung verändern können, ist bekannt. Neu hingegen ist der Ansatz, die Multiperspektive der Besucher und Besucherinnen aktiv einzubinden. Elaine Heumann Gurian formulierte es in ihrer Vision vom "Blue Ocean Museum" radikal: inspiriert vom Web 2.0 müsse eine gemeinsame Autorität von Kuratoren und Besuchern ermöglicht werden. Wie aber sollte das konkret aussehen? Besucher, die à la Wikipedia Objektbeschriftungen verfassen? Es ist nicht das schlechteste Ergebnis, wenn einen der erste Konferenztag mit einer beunruhigenden Frage entlässt ...

Ariane Karbe
Anne Frank Zentrum, Berlin
Bereichsleiterin Wanderausstellungen

Montag 20. August 2007

Klaus Bulle, Foto: Ariane Karbe

Ein Highlight auf der Sitzung des International Councils for Exhibition Exchange war heute Laurie Winters (Milwaukee Art Museum) Vorstellung der von ihr kuratierten Ausstellung "Biedermeier". Die beeindruckend klare Präsentation der Objekte entstaubte den Blick des Publikums auf die scheinbar altbekannte Epoche.

Von inspirierender Klarheit war auch Gail Dexter Lords Vortrag, den sie abends in der Nationalbibliothek hielt. Die Direktorinnen und Direktoren der heute oft mischfinanzierten Museen müssten als Manager "die Dinge richtig tun", als Leader aber "die richtigen Dinge tun". Ein Dilemma, aber auch eine Chance, so Lord.

Im Anschluss an die "Stephen E. Weil Memorial Lectures" in der Nationalbibliothek konnte die Ausstellung "Geschenke für das Kaiserhaus" bewundert werden. Ein passendes Thema, denn die kulturellen Darbietungen, die den Abend schmückten (das Konzert eines fantastischen Streichquartetts, der Besuch des wunderschönen Prunksaals), erinnerten eindrucksvoll daran, dass Kultur ein Geschenk ist und Museumsarbeit ein Privileg. Den Kugelschreiber von der Museumsmesse bekam deshalb der verzweifelt nach einem Stift suchende Taxifahrer auf dem Heimweg kurzerhand geschenkt.

Dienstag 21. August 2007

Gulasch Museum, Foto: Ariane Karbe

Eine Frau versucht mit Hilfe eines Steigbügels auf einen Elefanten zu steigen. Mit diesem, einem Video der Künstlerin Liza May Post entnommenen, Bild eröffnete Udo Gößwald heute seine Reflexionen über Europa auf der 3. Session von ICEE. Wird die Frau scheitern? Können die so unterschiedlichen Facetten europäischer Wirklichkeiten verstanden werden? Der Schlüssel liegt in dem Titel des Bilds: "Trying". Das auf der Eröffnungsveranstaltung proklamierte "sharing of authority" sollte laut Gößwald auch darin bestehen, Besucher und Besucherinnen mit Migrationshintergrund in den Entwicklungsprozess von Ausstellungen einzubeziehen. Um "Autorität" jedoch erfolgreich teilen zu können, müsse die Rolle des Kurators als "Autor" gestärkt werden. "Curators can be artists!", so Gößwalds Credo.

Auf der Sitzung von IC MEMO bewahrheitete es sich einmal mehr, wie fruchtbar die Einbindung fachfremder Experten in Museumsdiskussionen sein kann. Die Psychologin Monika Kovácz referierte, welche Schwierigkeiten das ungarische kollektive Gedächtnis nach dem Systemwechsel mit der Vergangenheit hat. Während des Kommunismus wurde der Holocaust weitgehend tot geschwiegen bzw. die kommunistischen Opfer der Nationalsozialisten wurden stark in den Vordergrund gestellt. Heute müssen die Ungarn sich mit den Erinnerungen an zwei totalitäre Systeme auseinandersetzen. Aber müssen sie das wirklich? Diese provokative Frage stellt sich aus sozio-psychologischer Sicht, denn erinnert wird – ob kollektiv oder privat – nur das, was einen Nutzen für die Gegenwart hat. Museale Gemeinplätze wie "Aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen" werden durch Vorträge wie diesen angenehm unangenehm hinterfragt.

Mittwoch 22. August 2007

Foto: Ariane Karbe

Im Steinbruch von Mauthausen

Exkursion mit IC MEMO. Vormittags: Rundgang durch das ehemalige Konzentrationslager Mauthausen. Nachmittags: Besuch des Lern- und Gedenkortes Schloss Hartheim. Kontrastreicher könnte die museale Präsentation nicht sein. In der Darstellung in Mauthausen vermögen die Tafeln mit Fotos der Ermordeten, die Angehörige zum Gedenken z.B. in der Gaskammer angebracht haben, den Besucher zu berühren. Aufschlussreich war die Präsentation von Prof. Jeschke, der unter dem Stichwort "Topographie des Terrors – memorial landscapes" Multimedia-Stationen vorstellte, an denen Besuchern mit Hilfe von markierten Luftaufnahmen die tatsächliche Größe des vormaligen KZ-Geländes nahe gebracht werden soll.

Höchst feinfühlig hingegen die Gestaltung der Gedenkstätte von Schloss Hartheim. Das Schloss war von 1940 bis 1944 eine der sechs Euthanasieanstalten des NS-Regimes. Behutsam und doch eindrucksvoll wurde hier den Spuren nachgegangen, die die Ermordung von fast 30.000 behinderten und kranken Menschen hinterlassen hat und die Täter und Täterinnen so sorgsam zu vertuschen versucht hatten. In einer Computerstation werden mit Hilfe von Angehörigen und Nachkommen Fotos und Dokumente zu einzelnen Lebensläufen der Opfer zusammengetragen. Auf Glaswänden – als Material wegen seiner symbolischen Zerbrechlichkeit wegen gewählt – sind die Namen der Opfer verzeichnet. So unterschiedlich die Präsentation in den beiden Gedenkstätten auch sein mag, so sehr verbindet sie der Versuch, das Unsichtbare sichtbar zu machen.

Donnerstag 23. August 2007

Kunsthalle Wien, Foto: Ariane Karbe

Museumsfatigue adè – Liegen im Museumsquartier

Erst die Museumsbesuche geben einer ICOM-Konferenz die rechte Würze. Die Ausstellung "Traum & Trauma“ in der Kunsthalle bildete heute den Auftakt der Museumstour. 40 zeitgenössische Kunstwerke aus der Sammlung Dakis Joannou formen einen Parcours der Angst. Kunstwerke, mit denen man nicht alleine zu Hause gelassen werden will. Z.B. die fast 300 Kinderwägen, die Nari Ward mit Feuerwehrschläuchen zu einer Installation vereint hat und von denen man sich kaum vorstellen kann, dass in ihnen jemals ein Kind gesessen hat, so bedrohlich wirken sie. Oder die "Computer-Animations-Installation“ von Paul Chan, bei der ein zauberhaftes Schattenspiel plötzlich von Silhouetten fallender Menschen verdunkelt wird...

Erfrischend danach der Besuch des Zoom Kindermuseums. Trotz der anwesenden Museumspädagogen wirkten die Kinder in der Ausstellung "Die Umweltchecker“ teilweise etwas ratlos, erschließen sich viele interaktive Stationen doch nicht von selbst. Von seiner Mutter befragt, ob es ihm denn gefallen habe, antwortete ein Junge nichtsdestotrotz mit leuchtenden Augen: "Ja, hier komme ich jetzt ganz oft her!“ Zum Abschluss der Tour wartete im MUMOK noch eine Ausstellung, die man schon alleine des Titels wegen besuchen sollte: "Hätte auch wieder eine gute Ausstellung werden können...“. Markus Huemer zeigt Leinwände, auf die Beamer blaues Licht projizieren. That’s it. Ratlos wird die Museumsaufsicht gefragt, ob die Installation gerade nicht funktioniere. Nein, antwortet sie, das soll so sein, man könne damit spielen – und lässt mit ihren Fingern einen Vogel über eine Leinwand fliegen. Sharing authority!

Freitag 24. August 2007

Foto: Ariane Karbe

ICOM-Generalkonferenz 2007

Frei nach Martin Schärer, der Dienstag in einem Vortrag feststellte: "Every visitor creates his own exhibition“, könnte man die Generalkonferenz mit den Worten resümieren"Every participant creates his own conference.“ Je nachdem, zu welchem Komitee man gehört, welche Veranstaltungen man besucht und welche Kontakte man geknüpft hat und nicht zuletzt mit welchen Erwartungen man nach Wien gekommen ist, wird sich ein völlig anderer Rückblick ergeben.

In ihrer Abschlussrede schlug ICOM-Präsidentin Alissandra Cummins gekonnt den Bogen zu der Eröffnungsveranstaltung vergangenen Sonntag. Die Vision eines neuen, dialogorientierten Museums, die in den Eröffnungsreden heraufbeschworen wurde, übertrug sie auf ICOM. Auch hier sollte das die Konferenz durchziehende Schlagwort der "sharing authority“ ernstgenommen werden und die Mitglieder auf verschiedenste Weise in den Dialog eingebunden werden. Auch für ICOM gelte, was für die Museen Gültigkeit habe: Komitees und Arbeitsgruppen sowie Besucherinnen und Besucher und Sammlungen hätten keine fixierten Identitäten, sondern würden sich vielmehr ständig verändern. Wenn wir dies im  Auge behielten und uns miteinander verbinden und kommunizieren, dann sei alles möglich, fasste Cummins zusammen. Der feierliche Höhepunkt der Abschlussveranstaltung war die Übergabe der ICOM-Flagge an die stellvertretende Bürgermeisterin von Shanghai, wo die nächste Generalkonferenz im Jahre 2010 stattfinden wird. Und plötzlich lag doch wieder ein Hauch Olympiade in der Luft ...

Ariane Karbe
Anne Frank Zentrum, Berlin
Bereichsleiterin Wanderausstellungen

 

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